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U-Bahn fahren: ein Kampf!
Wenn bei uns die Sonne scheint, knallt sie nachmittags so richtig schön in
unser Institut. Also lassen wir die Rollos runter, damit man es aushalten
kann und die Wirkung der Klimaanlage nicht gleich wieder verpufft. Folge
ist, dass man nichts vom Wetter sieht, ist ja logisch.
Als ich die Uni so gegen 19 Uhr verlassen habe, war es wirklich düster und
unangenehm draußen. Eine riesige schwarze Wolkenfront zog hinter dem Campus
auf und es blitzte und donnerte schon gewaltig! Ich bin zum Glück noch
trockenen Fußes zum Bahnhof gekommen, hatte keinen Schirm dabei! Dann bin
ich die zwei Stationen nach Shibuya gefahren, wo ich auf den Zug der JR
(JapanRail) umsteigen muss. Von dem Bahnhof in Shibuya konnte man sehen,
dass es draußen begonnen hatte, zu regnen. Natürlicher Effekt ist, dass
der Bahnhof innendrin immer voller mit Leuten wird, denn da ist es trocken
und zur Not gibt es dort was zu Essen und zu Trinken. Ich bin also umgestiegen
und von Shibuya Richtung Gotanda gefahren, es sind 3 Stationen (Ebisu - Meguro
- Gotanda). In Ebisu, also der nächsten Station, hat der Zug - logischerweise
- gehalten und ist dann nicht mehr weitergefahren...

Bildquelle: Eigene Aufnahme. Shibuya Station.
Nachdem eine Lautsprecherdurchsage ertönte, die ich ja so toll verstehen
kann, strömte etwa die Hälfte der Leute aus dem Zug. Kein Grund zur Panik,
habe ich mir gedacht, es kam schonmal bei Regen zu Verspätungen. Also habe
ich erstmal abgewartet. Nichts passierte, außer dass die Lautsprecheransagen
immer wiederholt wurden, was allmählich nervte. Mir kam die Idee, auf meinen
Plan zu schauen, um zu sehen, wo die Züge auf dem anderen Gleis hinfahren.
Blöderweise hatte ich den Plan für den Kyoto-Trip am vorangegangenen
Wochenende ausgepackt und, genau, nicht wieder eingepackt. Ich habe mich dann
entschieden, einfach mal rüberzugehen und nachzusehen, aber das war mir
dann doch nicht so geheuer.
Im Bahnhof von Ebisu habe ich dann einen Mann in Uniform angesprochen, der
mir weitergeholfen hat, sogar auf Englisch. Ich müsse die U-Bahn nehmen,
zuerst die Hibiya-Linie nach Higashi-ginza, dann die Asakusa-Linie nach
Gotanda. Toll, dass ist wie wenn ich von Hemsbach nach Laudenbach über
Michelstadt im Odenwald fahre!!! Aber ich hatte keine bessere Alternative,
zumal ich Freitickets von dem Bahnbeamten bekommen habe. Und: da Togoshi,
wo ich wohne, auch mit der Asakusa-Linie zu erreichen ist (nämlich die
nächste Station nach Gotanda), habe ich mir gedacht, das Freiticket bis
dorthin zu nutzen, ob es geht oder nicht.
Die U-Bahn der Hibiya-Linie war kein Problem, es hat eben nur etwas
gedauert, bis ich in Higashi-ginza angekommen bin. Dort habe ich dann
zur Asakusa-Linie gewechselt und jetzt fing das Problem an. Die Linie war
schon völlig überbesetzt, so dass man kaum noch hineinpasste. Zum
Glück bin ich ja schlank... Das Prozedere ist folgendes: Die Linie hält,
die Türen gehen auf. Jetzt drücken sich von drinnen die Leute raus,
die aussteigen wollen. Alles nicht so einfach, wenn die Bahn voll ist,
da werden schonmal Ellenbogen eingesetzt und es heißt nicht mehr
"sumi-masen" (= Verzeihung). Wenn die ersten Leute draußen meinen,
es kommt keiner mehr raus, stürmen sie einfach rein, ungeachtet
dessen, ob ihre Annahme richtig war oder nicht!!! Die ersten Leute die
drinnen sind, fühlen sich sicher bis sie von hinten überrannt
werden, weil eben noch zig andere Leute auch genau diese eine
Tür benutzen wollen - an den anderen sieht es ja nicht besser aus.
Also wird geschoben, gedrückt, gestolpert, gequetscht und nach einer
Möglichkeit zum Festhalten gesucht... obwohl man eh keinen Platz
hat, sich zu bewegen! Wenn man dann glaubt, mehr Leute passen nicht
rein, hat man sich getäuscht! Nach und nach drückt sich der ein
oder andere immer noch rein und stützt sich am Türrahmen ab. Bis alle
Türen zu sind, dauert es meist sehr lange, nicht selten braucht es
drei oder vier Versuche, denn auch wenn bei seinem Standort alle
reinpassen, hängt drei Tueren weiter noch ein Arm, Rücken oder
Rucksack hinaus. Schätzungsweise 30 % der Leute, die einsteigen
wollten, bleiben dennoch draussen stehen und müssen auf die nächste
U-Bahn warten... Nach zwei oder drei Minuten relative angenehmer
Fahrt geht das Spektakel dann von neuem los! Der Besetzungsgrad
(also die Anzahl der Passagiere gegenüber der als normal kalkulierten
Sitz- und Stehplatzzahl) in diesen Zeiten ist beispielsweise 260 %.
Mein Problem war, dass ich auf dem Weg nach Togoshi in Sengakuji aus
der U-Bahn muss, um den Zug zu wechseln. Leider konnte ich mir nicht
aussuchen, wo ich einsteigen wollte und so kam es, dass ich natürlich
direkt an der Tür stand... die gegenueber der Tür war, zu der ich
raus musste!!! Suuuuper! Also, Ellenbogen raus, durchgedrückt was
das Zeug hält und noch gegen die ersten ankämpfen, die schon
einsteigen! Weiß Gott, wie ich es geschafft habe, da rauszukommen...
Die U-Bahn nach Togoshi war dann nicht so überfüllt, man hatte
vielleicht 5-10 cm Platz zu seinen Nachbarn. In Togoshi hat sich
keiner dafür interessiert, ob ich nur nach Gotanda will oder nicht,
was ich sehr positiv fand. Als ich aus der U-Bahnstation rausging,
regnete es nicht mal mehr... schließlich war es auch 21 Uhr!!!
Nun ja, meistens brauche ich 35 Minuten von Haustür zur Uni, heute
waren es halt mal zwei Stunden!

Bildquelle: Eigene Aufnahme. Shibuya Station.